Ein Werk hysterischer Fiktion
Ein Gespräch mit Edwin Nasr über sein im Herbst erscheinendes Buch Angst essen Ali auf
Diesen Herbst erscheint bei Wirklichkeit Books Angst essen Ali auf, der Debütroman des im Libanon geborenen und in Berlin lebenden Autors Edwin Nasr. Das Buch ist, so Nasr, ein Werk „hysterischer Fiktion“, das in den letzten drei Jahren in Berlin entstanden ist. Für uns ist es nicht zuletzt deswegen ein besonderes Projekt, da es der erste Roman im Verlagsprogramm ist. Im vorliegenden Gespräch reflektiert der Autor über die Beziehung zwischen dem Roman und seinem Entstehungskontext, Bücher, die ihn inspirieren, und die Möglichkeiten des Fiktiven in Zeiten, in denen sich die Geschichte regelrecht überschlägt. Das englische Original, Fear Eats Ali, wird in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Verlag Wendy’s Subway herausgebracht; die Übersetzung ins Deutsche stammt von Lotta Thiessen.
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Wirklichkeit Books (WB): Stell uns doch bitte Ali vor, die Hauptfigur deines Debütromans Angst essen Ali auf.
Edwin Nasr (EN): Ali ist ein Frankenstein-artiges Konstrukt, zusammengesetzt aus den Lebenserfahrungen, Traumresten, entlehnten Erinnerungen, mitgehörten Geständnissen und existenziellen Irrwegen sowohl realer als auch imaginärer Menschen. Er ist ein katholischer, homosexueller Migrant aus dem Südlibanon, der vor mehr als einem Jahrzehnt nach Berlin gekommen ist, um dort Bauingeneurwesen zu studieren. Er ist lange genug in der Stadt, dass sie für ihn Zufluchtsort und Falle zugleich geworden ist. Ali ist zutiefst risikoscheu und oft auf eine Weise egoistisch, die eher banal als monströs ist. Er zieht es vor, sich mit Downern zu betäuben und sich von Losern rannehmen zu lassen, und hat jeglichen Anspruch längst aufgegeben, sich innerhalb einer politischen Bewegung einen Platz zu erkämpfen. Sein Verhältnis zum Politischen ist ambivalent: Er tut es als Einmischung ab, wenn es sein zerbrechliches Sicherheitsgefühl bedroht, und wendet sich ihm zu, wenn es Orientierung und die Illusion von Rechtschaffenheit bietet. Sein Vater Karim kämpfte in den 1980er Jahren mit der Libanesischen Nationalen Widerstandsfront gegen die israelische Besatzung, ließ seine Kameraden jedoch mitten in einem Hinterhalt im Stich. Feigheit liegt Ali also im Blut, und er muss sich zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Getöse der Todesmaschine auseinandersetzen, deren Räder keinen Unterschied machen zwischen denen, die die Geschichte herausfordern, und denen, die aktiv versuchen, ihr zu entkommen. Der Roman beginnt mit Alis Erhalt einer Ausreiseaufforderung, nachdem er während einer Solidaritätsdemonstration für Palästina einen Polizeibeamten vermeintlich angegriffen hat.
WB: Wie geht Ali mit der Nachricht von der Abschiebung um?
EN: Was mich beim Schreiben des Romans interessierte, war, der Versuchung zu widerstehen, daraus die Geschichte eines Erwachens oder einer Erlösung zu machen. Ali wird nicht plötzlich mutig oder prinzipientreu; wenn überhaupt, verstärkt der Abschiebungsbescheid nur seine Widersprüche. Er schwankt weiterhin zwischen Selbsterhaltung und Verantwortung, Paranoia und Klarheit. Doch gerade durch diese Widersprüche beginnt er zu begreifen, dass Feigheit nicht einfach ein individuelles Versagen ist, sondern auch ein Zustand, den die Welt, in der er lebt, hervorbringt. Er ist gezwungen, sich endlich irgendwie mit dem politischen und psychischen Erbe auseinanderzusetzen, vor dem er jahrelang versucht hat, davonzulaufen.
WB: Als wir vor über drei Jahren zum ersten Mal über die Idee eines Buchs sprachen, hattest du noch vor, ein eher wissenschaftliches Essay zu schreiben. Wie kam es dazu, dass du dich stattdessen für die Form des Romans entschieden hast?
EN: Du hast recht, das sollte eigentlich ein ganz anderes Buch werden. Als wir zum ersten Mal darüber sprachen, hattest du gerade begonnen, gemeinsam mit Lama El-Khatib eine Publikationsreihe mit kurzen Büchern zu planen, die sich mit der globalen Geschichte und dem Nachleben marxistischer Theorie und Praxis befassen sollten. Für diese Reihe – die bis heute nicht erschienen ist! – hatte ich vor, einen Text über die Herausforderungen für die libanesische Linke zu schreiben, die der Aufstieg des politischen Islam im Kontext antiimperialistischer Kämpfe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion darstellte. Mich interessierte die Frage, wie kommunistische Aktivist*innen und Intellektuelle die allmähliche Erosion ihres politischen Horizonts verstanden und wie sie mit dem Schrumpfen ihres Einflussbereichs umgingen; vor allem wollte ich analysieren, wie sie dazu kamen, ihre Positionen gegenüber der Hisbollah und dem bewaffneten Widerstand zu formulieren. Man kann wohl sagen, dass viele Paradoxien, die die Region nach wie vor prägen, auf diese historische Konjunktur zurückgeführt werden können.
Dieses Projekt wurde fast über Nacht unmöglich, als sich die Ereignisse vom 7. Oktober entfalteten und das israelische Regime seine Kampagne der genozidalen Auslöschung im Gazastreifen und später im Südlibanon startete. Die Geschichte hatte wieder mit solcher Geschwindigkeit und Gewalt an Fahrt gewonnen, dass jeder Versuch, sie in Form eines Essays anzuhalten oder gar aufzuhalten, sich schon im Moment überholt oder – Gott bewahre – unverantwortlich angefühlt hätte. Ich bewundere diejenigen, denen es gelungen ist, sich angesichts der Katastrophe gegen die Strömungen der Unvorhersehbarkeit und Gefühle der Bedeutungslosigkeit zu behaupten, aber ich kann von mir nicht sagen, dass ich dazu jemals in der Lage gewesen wäre. Und das ist letztlich der Grund, warum ich mich dem Fiktiven zugewandt habe. Es ermöglichte mir, Nähe und Dichtung in den Vordergrund zu stellen und die intimen Wege zu erkunden, auf denen sich Geschichte in gewöhnliche Leben, individuelle Sehnsüchte und Familienschicksale einprägen kann. Der Roman wurde paradoxerweise zur bescheideneren und damit ehrlicheren Form.
WB: Ich erinnere mich, dass du schon recht früh Etel Adnans Sitt Marie Rose als Referenz für dein eigenes Schreiben erwähnt hast. Was an diesem Buch inspiriert dich, und welche anderen literarischen Werke waren beim Schreiben von Angst essen Ali auf wichtig?
EN: Ich kehrte immer wieder zu Etel Adnans Sitt Marie Rose zurück, weil das Buch auf so brillante Weise versteht, dass in Momenten weltgeschichtlicher Brüche psychische und moralische Umwälzungen entstehen, denen wir uns widmen müssen, wenn wir nicht von rachsüchtigen Geistern bis ins Grab verfolgt werden möchten. Adnans Roman ist kurz und bis zum Ersticken verdichtet, trotzdem enthält er eine ganze Welt unmöglicher Entscheidungen – er lässt einen mit Übelkeit und Wut zurück. Sitt Marie Rose hat mir gezeigt, dass ein Roman klar und nüchtern aus einer spezfischen historischen Position heraus sprechen kann mitsamt ihrer unveränderlichen ethischen und politischen Imperative, ohne Widersprüche und Mehrdeutigkeiten aufzugeben.
Ein weiteres Buch, das mich während des Schreibprozesses begleitete, war Marguerite Yourcenars Alexis oder der vergebliche Kampf, weil es das Bekenntnis eher als eine Art Verheimlichung behandelt und nicht als eine Erforschung innerer Wahrheit. Ihr Protagonist schwankt ständig zwischen kruder Ehrlichkeit und offensichtlicher Selbsttäuschung. Das ist beunruhigend und bisweilen unerträglich, und diese Spannung war entscheidend für meine Überlegungen zu Ali.
Ich bin auch Christa Wolfs Stadt der Engel zu Dank verpflichtet, einer meisterhaften Reflexion über politisches Versagen und die Unmöglichkeit einer sauberen historischen Aufarbeitung; Sonallah Ibrahims Buch Tilka al-rāʾiḥa (Jener Geruch) für seine radikale Prägnanz und Fähigkeit, Entfremdung sowohl dynamisch als auch klaustrophobisch zu schildern; Pierre Guyotats Grabmahl für fünfhunderttausend Soldaten natürlich dafür, dass es uns lehrt, den Faschisten in uns allen durch Wahn und Exzess zu exorzieren; und Houria Bouteldjas Die Weißen, die Juden und wir, das meiner Meinung nach mit Abstand die machtvollste politische Abhandlung ist, die seit langer Zeit in Europa erschienen ist.
WB: Du lebst seit 2023 in Berlin, dem Ort, an dem der Roman spielt und an dem du den Großteil davon geschrieben hast. Inwiefern haben die spezifischen Umstände dieses Kontexts dein Schreiben beeinflusst?
EN: Als Antwort auf deine Frage möchte ich vorschlagen, Angst essen Ali auf als „hysterische Fiktion“ zu lesen, denn genau so fühlte es sich beim Schreiben oft an: wie ein Sog an Verzerrungen, durch die eine Situation gleichtzeitig übersättigt und erhellt werden sollte, die jedoch unter jenen erzählerischen Exzessen allzu real war. Das hat natürlich viel mit der Zeit und dem Ort der Entstehung dieses Buch zu tun; der hysterische Ton ermöglichte es mir, die Atmosphäre widerzuspiegeln, und vielleicht sogar zu verarbeiten, die Berlin nach dem 7. Oktober erfasst hatte. Ich erlebte Berlin als eine Stadt, die sich in einer Art anhaltender Massenpsychose befand: Der deutsche öffentliche Diskurs schien sich von der Wirklichkeit zu lösen und die Sprache der Politik wurde gewaltsam der Verleugnung und Täuschung untergeordnet – und währenddessen versank die Realität des palästinensischen Kampfes unter einer Flut rassistischer Moralplanik. Ganzen gesellschaftlichen Gruppen, allen voran Palästinenser*innen, aber auch Araber*innen und Muslimen allgemein, wurde die Autorität abgesprochen, Worte zu finden und Zeug*innenschaft abzulegen für ein unerträgliches Verbrechen, als würde Gott vor ihren eigenen Augen in Stücke gerissen. Ihnen wurde jegliche politische Handlungsfähigkeit, das Recht auf Trauer, Verurteilung, Organisation und Widerstand verweigert. Der Alltag in Berlin wurde unter dem Zeichen von Misstrauen und Paranoia neu organisiert und die Überwachung nahm eine derart partizipative Dimension an, dass man sich dabei ertappte, den Großteil seiner Zeit damit zu verbringen, sich zu fragen, welche Kolleg*in oder Nachbar*in einen bei der Arbeitgeber*in oder der Polizei melden würde.
Selbstverständlich hat all das Angst essen Ali auf geprägt, und ich glaube, dieses Buch konnte nur aus der verkommenen Besonderheit dieses Augenblicks entstehen, der noch lange nicht vorbei ist. Ich wollte darüber schreiben, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, die beharrlich deine Kompliz*innenschaft inmitten offensichtlicher Unwirklichkeit fordert, in der Sprache dazu dient, dich von der Tatsächlichkeit eines Völkermords zu entfremden, der alles zerfrisst, was du je kennengelernt hast. Alis Angst lässt sich daher niemals allein auf die Möglichkeit einer Abschiebung reduzieren; es geht auch um die Angst vor dem Verlust der Fähigkeit zu vertrauen und nach den eigenen Wahrnehmungen zu handeln, während man dabei zusieht, wie jede verfügbare moralische und politische Kategorie genüsslich mit Füßen getreten wird. Nicht zuletzt handelt mein Buch von der Angst, die Vernunft zu verlieren und sich dabei selbst in den Teufel zu verwandeln.
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Edwin Nasr wurde 1994 in Haret Sakher im Libanon geboren und lebt in Berlin. Seine Texte zu Politik und zeitgenössischer Kunst wurden unter anderem in Bidoun, n+1, Afterall Journal, The Funambulist, Mousse Magazine und Mada Masr veröffentlicht. Er ist Herausgeber von Palestine is everywhere (TBA21, Silver Press und the87press, 2025) und übersetzt für verschiedene Publikationen aus dem Französischen ins Englische.
ISBN 978-3-948200-21-3, 18€
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