Die funktionale Wohnung in Friedenau
Leyzer Ber
In dieser Ausgabe des Wirklichkeit Books Newsletter erinnert sich der Investigativjournalist und Dokumentarfilmer Leyzer Ber an einen „vergleichsweise ereignislosen Moment des Übergangs” in seinem Leben, der sich in einer sogenannten funktionalen Wohnung in Friedenau ereignete. Viel Spaß beim Lesen! Wie immer freuen wir uns, eure Meinung zu hören.
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Dem esoterischen Konzept der Ley-linien nach existieren mysteriöse Verbindungen zwischen weit voneinander entfernten Orten auf der Erde, die angeblich bedeutsame Energien besitzen. Diese geraden Linien durchziehen anscheinend den gesamten Planeten und verbinden die üblichen Verdächtigen miteinander: die Pyramiden von Gizeh, Stonehenge, den Bodhi-Baum. Gemäß unserer materialistischen Schulung sollten wir nicht an Leylinien glauben. Woraus bestehen sie überhaupt? Wer oder was hat ihre Richtungen und Verbindungen bestimmt? Treffen sich alle Linien an einem bestimmten Ort? Wer sagt, dass sie gerade sein müssen? Wer weiß.
Was wir jedoch mit Sicherheit wissen, ist, dass Berlin an einem der energiegeladensten Knotenpunkte liegt: Da ist der Kotti, das schwarze Loch im Zentrum des Universums, das alles unaufhaltsam in seinen Gravitationsstrudel zieht, und da ist der Südblock, die Bar im Zentrum des Universums. Dann gibt es die mystische Linie, die das ethnisch gesäuberte Dorf Deir Yassin, heute eine psychiatrische Klinik in Westjerusalem, mit dem Büro des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf für Anti-Antisemitismus, Felix Klein, verbindet. Und nicht zuletzt ist da die wenig bekannte, unsichtbare und so leise wie bedeutungsvolle Seilbahn, die einst auf der Plaza Baquedano in Santiago de Chile abhebte in Richtung Norden zur bolivianischen Hauptstadt La Paz, von wo aus sie in schwindelerregende Höhen schoss, bis sie das Plateau von El Alto erreichte, dann eine Kurve entlang der Anden machte, weiter durch Aymara, Quechua und eine Vielzahl weiterer indigener Gebiete, mit Halt im Freien und Souveränen Staat Chiapas, bevor sie über den Atlantik flog, einen kurzen Zwischenstopp in Bielefeld einlegte, um schlussendlich ihr endgültiges Ziel zu erreichen: die funktionale Wohnung im bürgerlichen Altbau in der Friedenauer Rheinstrasse – auch bekannt als „Rheini”.
Was um alles in der Welt war die Rheini, die funktionale Wohnung? Kratzt man die Schichten von Aufklebern von den Wänden und nimmt die Wiphala ab, dann lässt sich vielleicht erkennen, was diese Wohnung hätte sein sollen – das Zuhause von zwei wohlgenährten, gutverdienenden Eltern, ihren drei, vielleicht vier wohlgenährten, gut gekleideten Kindern mit je eigenem Schlafzimmer, ihrem geliebten Hund, ihrer geliebten Katze und einem Leben voller erzwungener familiärer Glückseligkeit.
Stattdessen sollte in diesen Raum eine stetig wechselnde, zusammengewürfelte Gruppe von zehn bis zwanzig Mitbewohner*innen zusammenkommen. Unter ihnen waren Migrant*innen aus Lateinamerika, Deutsche mit „Latinohintergrund“ oder solche, die einige Zeit in Lateinamerika gelebt hatten. Spanische und Portugiesische Gespräche gingen in der Rheini nahtlos ins Englische und Deutsche über. Die Funktionalistas hatten unterschiedliche Herkunftsgeschichten: Kinder kommunistischer Guerillakämpfer, die vor lateinamerikanischen Diktaturen geflohen waren, mischten sich unter die Kinder und Enkelkinder zionistischer und nationalsozialistischer Kriegsverbrecher.
„Funktional” bezieht sich hier auf die Funktion jedes Raumes: das Schlafzimmer, in dem alle in streng genossenschaftlicher Polykultur zusammen schliefen, der Kleiderschrank, in dem die Kleidung aller Mitbewohner*innen durcheinander lag, das Arbeitszimmer mit den abgegriffenen Venas Abiertas-Exemplaren, das Wohnzimmer mit Blick auf den Breslauer Platz und die winzige Küche, die zu meiner ewigen Frustration auch das Raucherzimmer der Rheini war. Die funktionale Wohnung, eine Mischung aus klassischem Berliner besetzten Haus, Hostel für Backpacker und der maoistischen Kommune in Godards La Chinoise.
Apropos... jeden zweiten Sonntag war Rheinis Wohnzimmer Treffpunkt eines Salons, dem sogenannten „Untitled Political Process”, in dem über den erbärmlichen Zustand der „deutschen Linken” diskutiert wurde. Diese sogenannten „Linken”, die Adorno entweder falsch oder den falschen Adorno zitierten, die noch nie den Qalandia-Checkpoint passiert hatten (oder, falls doch, dann über die Schnellspur) und keinen Master an der SOAS gemacht hatten. Es musste sich etwas ändern.
Ich war jedoch nicht in die Rheini gekommen, um über politische Organisation zu diskutieren, sondern für einen kurzen und, ich möchte sagen, vergleichsweise ereignislosen Moment des Übergangs in meinem Leben, ganz im Stil der Berliner Neo-Boheme. Den Tag startete ich gewöhnlich mit einem Zug Haschisch aus meiner selbstgebastelten Apfelpfeife („der Geist des Apfels”), dann schlurfte ich zum Stadtbad Schöneberg, um ein bisschen zu baden, genoss mein spätes Frühstück, einen Gemüsekebap bei Rüyam, und kam schließlich ein paar Stunden später im Cuccuma Café im Bergmannkiez an, wo ich Bücher von Bifo Berardi las und in dem ungeschickt eingerichteten Obergeschoss etwas Fus7a lernte neben Gruppen, deren Gespräche im Raum widerhallten und meine halbherzige Lektüre störten. Die Diskussionen der anderen haben mich immer genervt, aber es kam mir nie in den Sinn, dass ich stattdessen einfach in die Bibliothek gehen könnte. Die Rheini-Cuccuma-Pipeline musste bis zu ihrem endgültigen Ziel verfolgt werden.
Der Alltag in der Rheini war ähnlich wie in jeder anderen WG – schwelender Groll darüber, wer seine Reinigungsaufgaben nicht erfüllt hatte; die geduldige Toleranz gegenüber dem einen Mitbewohner in psychischer Krise; und dem anderen, für den alles entweder revolutionär oder nicht revolutionär genug war. Was mit revolutionär gemeint war, wurde mir nie ganz klar.
Es ist viele Jahre her, seit ich das letzte Mal in der Rheini war, es gibt für mich keinen Grund mehr, nach Friedenau zu fahren. Niemand scheint zu wissen, ob sie überhaupt noch existiert. Vielleicht drängen sich dort jetzt neue Generationen von Außenseiter*innen und Geflüchteten in der nach Tabak und Gras stinkenden Küche, improvisieren Neo-Jazz im Musikzimmer oder schmieden im Wohnzimmer Pläne, Waffenfabriken zu sabotieren. Vielleicht hat der Vermieter auch endlich herausgefunden, was dort vor sich ging, und die Bewohner*innen rausgeworfen, um die Miete zu erhöhen und ein paar Expats und deren oben erwähnten familiären Glückseligkeit Platz zu machen.
Wenig ist über die Rheini bekannt, hin und wieder jedoch werden winzige Scherben, die den Geist der Rheini in sich tragen, in den unterschiedlichsten Orten angespült, im Bloque Latinoamericano und in der Migrantifa, bei Pachakuti, auf dem Ararat, am Strand von Copacabana, bei den Jewdas, in Rojava, bei Inti Phajsi und sogar in Katar, um nur einige Beispiele zu nennen.
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Leyzer Ber ist ein möchtegern-ungarisch-brasilianischer und postjüdischer Investigativjournalist und Dokumentarfilmer.